Ein Leidensweg: häusliche und sexuelle Gewalt im Alter

Es ist ein warmer Frühsommertag in Emmen. Die Bäume stehen satt im Grün, irgendwo lacht ein Kind. Frau A. bleibt einen Moment stehen, schaut hinüber zur Baumkrone – und lächelt. Es sind kleine Augenblicke wie dieser, die für sie wieder Bedeutung bekommen haben. «Man macht aus der Situation, was man kann», sagt sie. Und doch liegt hinter diesem Satz eine Leidensgeschichte, die von Angst, Erschöpfung und Schweigen geprägt ist.

Frau A. ist 77 Jahre alt. Seit 57 Jahren ist sie verheiratet, hat vier Kinder grossgezogen und freut sich an sieben Enkelkindern. Ein langes Leben, das von aussen betrachtet geordnet wirkte. Ein Bauernhaus in Emmenbrücke, ein Garten, ein Alltag voller Pflichten. Doch hinter der Fassade gab es schon lange Risse.

«Ich hätte gerne die Familie gehabt, die ich nie hatte», sagt sie heute. Damals, mit vier Kindern, seien andere Möglichkeiten kaum denkbar gewesen. «Naiv war ich vielleicht. Es ging ja – so lange man gemacht hat, was er wollte.» Für den Frieden habe sie vieles geschluckt. Auch die Kinder bekamen die Spannungen zu spüren und zogen mit der Zeit ihre eigenen Schlüsse.

Jahre der Anpassung und erste Brüche
Als ihr Mann mit 60 Jahren seine Stelle verlor, verschärfte sich die Situation. Depressionen traten auf, Suiziddrohungen, tiefe Verunsicherung. Frau A. begann zu arbeiten, ging nähen, putzte – hielt die Familie zusammen. Gleichzeitig blieb das Gefühl, nie zu genügen. Der Wunsch ihres Mannes nach Kontrolle war allgegenwärtig. Er wollte bestimmen, was geschieht, wie es geschieht – und wann.

Wenn Krankheit Grenzen verschiebt
Nach gesundheitlichen Veränderungen ab 2019 verschlechterte sich der Zustand ihres Mannes zunehmend. Verbale Angriffe und psychischer Druck wurden immer ausgeprägter, der Leidensdruck nahm zu. Für Frau A. war klar: Hier geht es nicht nur ums Älterwerden. Doch eine fundierte Abklärung blieb aus. «Es wurden einfach Medikamente verschrieben – und fertig», sagt sie. Ab Sommer 2025 waren die Belästigungen nicht mehr nur verbal. Ständig forderte er Sex. Anfang 2026 veränderte sich die Situation dann dramatisch. Ihr Mann verlor nicht nur kognitive Fähigkeiten, sondern auch den Respekt vor ihr und jegliches Schamgefühl. Es kam zu massiven sexuellen Grenzüberschreitungen im Alltag und sexuellen Übergriffen in der Nacht.«Keine Nacht verlief mehr ruhig», erzählt Frau A. «Er wachte auf und wurde übergriffig – und ich lag danach wach, wie versteinert.» Schlaflosigkeit, Angst und psychischer Druck bestimmten den Alltag. «Das war bald kein Leben mehr für mich.»Dennoch blieb lange das Schweigen.

Der entscheidende Schritt: Hilfe zulassen
Hilfe zu suchen, war für Frau A. ein grosser innerer Schritt. Ein erster Anruf bei Pro Senectute blieb ohne nachhaltige Entlastung. Beim Hausarzt konnte sie nicht offen sprechen – ihr Mann war stets dabei.Erst als die Situation unerträglich wurde, schrieb sie in ihrer Not einen langen Brief an den Hausarzt. Darin legte sie offen, was sie so lange für sich behalten hatte.Dieser Brief wurde zum Wendepunkt.Der Hausarzt reagierte und organisierte kurzfristig ein Ferienbett in einer Institution. Es folgte die Einweisung per Fürsorgliche Unterbringung in die Psychiatrie aufgrund aggressiven Verhaltens; danach die Abklärung in der Memory-Klinik. Die Diagnose: vaskuläre Demenz.

«Erst mit der Diagnose konnte ich verstehen. Und reden», sagt Frau A. Vorher sei sie wie gelähmt gewesen, unfähig, die Tragweite einzuordnen.

Die Kraft der Anlaufstelle: Unterstützung durch die KAE
Eine entscheidende Stütze fand Frau A. bei der Kontaktstelle Alter Emmen (KAE). Ohne Anmeldung, ohne Hürden. «Ich bin einfach hineingelaufen», erzählt sie.Dort erhielt sie, was ihr lange gefehlt hatte: verständliche Informationen, konkrete Handlungsempfehlungen – und vor allem ein offenes Ohr. Broschüren zum Krankheitsverlauf von Demenz halfen ihr, das Verhalten ihres Mannes einzuordnen. Gespräche gaben ihr Sicherheit.«Wenn man nichts sagt, kann sich nichts ändern.»Mit Unterstützung der KAE fand Frau A. ihre Stimme wieder. Sie lernte, ihre Situation zu benennen – und Entscheidungen zu treffen. Auch solche, die schwer fallen.

Zwischen Entlastung und neuer Belastung
Seit ein paar Wochen lebt ihr Mann in einem stationären Setting. Der Weg dorthin führte über mehrere Stationen – und war geprägt von Unsicherheit, Schuldgefühlen und organisatorischen Herausforderungen. Ganz zur Ruhe kommt Frau A. (noch) nicht. Ihr Mann ruft täglich an, stellt Forderungen, setzt sie unter Druck. Auch administrative Aufgaben bleiben als erste Bezugsperson an ihr hängen. Doch etwas hat sich grundlegend verändert: Sie hat begonnen, sich selbst wieder wahrzunehmen. «Ich muss mich irgendwie wiederfinden», sagt sie. Sie geht wieder einkaufen, gestaltet ihren Alltag nach eigenen Bedürfnissen. Kleine Dinge gewinnen an Wert.

Der Mut, die eigene Geschichte zu teilen
Dass Frau A. heute öffentlich über ihre Erfahrungen spricht, ist ein grosser Schritt. In ihrer Generation ist es nicht selbstverständlich, über Probleme zu reden – schon gar nicht über solche, die die eigene Ehe betreffen. Gerade deshalb hat ihre Geschichte besonderes Gewicht.Sie zeigt, wie belastend die Situation für Angehörige sein kann – und wie wichtig es ist, Hilfe anzunehmen. Sie macht sichtbar, was oft im Verborgenen bleibt. «Man soll nicht warten, bis man selber nicht mehr kann», sagt sie. Es sei entscheidend, früh Unterstützung zu suchen, die Broschüren nicht nur mitzunehmen, sondern auch genau zu lesen.

Ein kleines Stück Zukunft
Im Sommer wird Frau A. 77 Jahre alt. Diesen Tag nimmt sie bewusst als Neubeginn. Ein Treffen mit der Familie, ein Essen in Ruhe – ohne Angst, ohne Konflikte. «Ein Bitzli möchte ich doch auch noch leben.» Wenn Zweifel aufkommen, stellt sie sich vor, wie es wäre, wenn ihr Mann wieder zu Hause wäre: «Dann ist das Nein wieder ganz klar da.»

Es ist ein Nein zu einem Leben in persönlicher, psychologischer und physischer Not – und ein Ja zu sich selbst.

Häusliche Gewalt im Alter bleibt häufig unentdeckt, da Betroffene aus Scham, Angst, Abhängigkeit oder Loyalität gegenüber nahestehenden Personen schweigen. Hinweise können unerklärliche Verletzungen, Verhaltensänderungen, soziale Isolation, Vernachlässigung oder ein auffallend kontrollierendes Verhalten von Angehörigen oder Betreuungspersonen sein. Ein sensibler Blick, ein vertrauensvolles Gespräch und das Ernstnehmen von Auffälligkeiten sind entscheidend, um Betroffene frühzeitig zu erkennen und ihnen Unterstützung anzubieten.

Wenden Sie sich bei Unterstützungsbedarf an die Kontaktstelle Alter Emmen.

Weitere mögliche Unterstützungsangebote sind:

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